Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis;

Das Unzulängliche, Hier wird’s Ereignis;

Das Unbeschreibliche, Hier ist’s getan;

Das Ewig-Weibliche, zieht uns hinan.

J. W. von Goethe, Chorus mysticus, Faust II

Über den Stiftungsgründer

Rudolf Renftle, 1930 in Ulm an der Donau geboren, blieb die ersehnte musikalische Ausbildung vom Elternhaus versagt. Auf Wunsch des Vaters lernte Rudolf Renftle den Beruf des Kaufmanns und führte das elterliche Bettengeschäft in Neu-Ulm zeitlebens mit großem Erfolg. Von Kindesbeinen an mit dem Wahn und Irrsinn des Dritten Reiches konfrontiert und dadurch ausgehungert nach dem „kunstgewordenen Abbild des wahren, unverstellten Lebens“ (R.R.), suchte er schon früh neben dem Broterwerb nach dem „Licht der Hoffnung“, dem „Wunder, das über den Glauben geht“ (Thomas Mann, Dr. Faustus). Er fand es in dem Offenbarungswerk der Gralsbotschaft „Im Lichte der Wahrheit“ von Abd-ru-shin. Mit Hilfe dieser Offenbarung konnte sich Rudolf Renftle – nach eigenem Bekunden – „über die Erkenntnis alles Falschen, Lebenswidrigen, über die Öffnung aller Tabus zum real und empirisch beschreib- und beschreitbaren Weg der Erlösung durchtasten.“

Dieses neue Wissen fruchtbar werden zu lassen war ihm von nun an ein existentielles Bedürfnis. In Gesprächskreisen und in einer sich zunehmend intensivierenden schriftstellerischen Tätigkeit widmete sich Renftle vor allem den großen Themen von Verhängnis und Erlösung in Geschichte und Kultur. Sein kulturphilosophisch-literarisches Schaffen umkreist in verschiedenen Dispositionen die „Urfrage nach den Verhängnissen, die Urfrage aller Anamnesis“ (R.R.) und gibt dem Leser neue Erkenntnisse zu den großen Themen Transzendenz und Sündenfall, Kunst und Erlösung, Endzeit und Offenbarung, Geschlechterkampf und mann-weibliche Psychologie und Wesensbestimmung. Hierbei dienten dem Autor Kunst und Kultur als treue Spiegel des gesellschaftlichen Zustandes und des herrschenden Anthropozentrismus. 

„Wer war es, der zuerst die Liebesbande verderbt und Stricke daraus gemacht hat?“ will Hölderlin in seiner Hymne „Rhein“ wissen – eine zentrale Frage auch im Werk von Rudolf Renftle, der von den späten Hymnen Hölderlins als ein visionäres Ringen um Auferstehung tief ergriffen war. 

Bereits früh standen die Fixsterne Mozart und Goethe am Himmel seiner Kunstrezeption. In seinem 1985 publizierten Buch „Gretchens Kerkerlied, Schlüssel zu Faustgedicht und Zaubermärchen“ (Brannenburg, 1985) erklärt Renftle die von Gretchen im Kerker gesungenen Verszeilen als Essenz aus den geschichtelang währenden Verhängnissen zwischen den miteinander verfallenen Geschlechtern von Mann und Frau. Die Genialität des Goethe-Werkes besteht für Renftle vor allem darin, dass zugleich der Beginn eines Erlösungsweges aus diesem teuflischen Dilemma aufgezeigt ist, der mit nüchtern-sachlicher, weiblicher Selbsterkenntnis und Reue „an einem kühlen Ort“ (dem Kerker) einsetzt und in der universalen Erkenntnis endet: „Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis; Das Unzulängliche, Hier wird’s Ereignis; Das Unbeschreibliche, Hier ist’s getan; Das Ewig-Weibliche, zieht uns hinan“ (J. W. von Goethe, Chorus mysticus, Faust II).

Der faustische Weg, von Goethe als eine mann-weibliche Erlösungsgeschichte vorgezeichnet, findet sich auch im Opernwerk Mozarts: Rudolf Renftle legt dar, wie sich hier ebenfalls eine mann-weibliche Entwicklungsgeschichte erkennen lässt. Von der Oper „Idomeneo“ über die Tändeleien in „Cosi fan tutte“ und „Figaros Hochzeit“ und die existentielle Dramatik des „Don Giovanni“ bis zur spirituellen Läuterung in „Die Zauberflöte“ durchleben die Helden und Heldinnen in verschiedenen seelischen Reifestufen verschiedene Stadien von vermeintlichem Liebesglück und der dem Selbstbetrug folgenden Ernüchterung. Bis dann in der „Zauberflöte“ eine tatsächlich allen Anfechtungen standhaltende, geistig wahre Liebe zwischen Pamina und Tamino Wirklichkeit werden kann. Wie in Goethes „Faust“ übernimmt auch hier, in Mozarts „Zauberflöte“, die Frau die geistige Führung: „Ich selbsten führe dich, die Liebe leitet mich“ (Feuer- und Wasserprobe). In der Erlösung von Mann und Frau zur reinen, geistigen Liebe hat Rudolf Renftle sein Lebensthema gefunden, dessen Spuren er auch in einigen der Grimmschen Märchen verfolgt. Denn auch hier ist es fast immer die Weiblichkeit, die durch ihre stärkere Transzendenzverbundenheit den Weg aus schuldhafter Verstrickung in eine erlöste Zukunft findet („Schneeweißchen und Rosenrot“, „Das Mädchen ohne Hände“ u.a.).

Als Gralssucher und damit Bruder im Geiste wird Ludwig II, König von Bayern, von Rudolf Renftle nicht nur gewürdigt, sondern so ernst genommen, dass er ihm sein erstes Buch gewidmet hat: „Im Dienste des Königs, Reflexionen eines Schiffbrüchigen“ (Verlag Monika Schulze, Brannenburg, 1980). Renftle nähert sich der tragisch gescheiterten Gestalt des „Märchenkönigs“ einerseits mit Zuneigung, andererseits in nüchterner Auseinandersetzung mit dessen Defiziten an. In der Persönlichkeit von Ludwig II kommt für Renftle einmal mehr das Dilemma von Idealismus, Traumvision und Kunstsinn im Widerstreit mit irdischem Realismus und Pragmatismus leidvoll zum Ausdruck, ein Antagonismus, dem Ludwig durch Weltflucht zu entkommen suchte. 

Rudolf Renftle, der 1987 nach einem Krebsleiden im Alter von 57 Jahren in Neu-Ulm starb, hinterließ ein umfangreiches literarisches Werk, das in wesentlichen Teilen bisher unveröffentlicht geblieben ist. Seine Kunstrezeption kam vom Leben her und möchte den Leser zum unverfälschten Leben zurückführen. Ob Faust und Gretchen, Hänsel und Gretel, Pamina und Tamino – Renftle sah in deren Durchbruch eine Hilfestellung und Wegweisung für den Durchbruch eines Jeden zu einem gedeihlichen, friedvollen und erlösten mann-weiblichen Miteinander, für das dann gelten soll: „Mann und Weib und Weib und Mann reichen an die Gottheit an“ (W. A. Mozart, Zauberflöte, Duett der Pamina und des Papageno).

Rudolf Renftle vermachte kurz vor seinem Tod im Frühjahr 1987 einen Teil seines Vermögens einer nach ihm benannten Stiftung mit der Absicht, sein reiches kulturphilosophisches Erbe der Nachwelt zu sichern sowie künstlerische Projekte und wissenschaftliche Forschungen finanziell zu fördern, die seinem Ansatz und seinen Themen verwandt oder verpflichtet sind, sie erweitern, ergänzen, fortsetzen und vermitteln. 

Hier geht es zu ausgewählten Werken von Rudolf Renftle: